Das Leben der Insekten

Das Leben der Insekten

Uraufführung von Viktor Pelewin
“ Sein Fuß legt sich auf Nataschas kühlen, festen Rücken und tastet nach der wie von feuchtem Moos bewachsenen Wurzel ihres vibrierenden Flügels. „

Ein schäbiges Kurhaus an einer mittelmäßigen Strandpromenade. Der amerikanische Geschäftsmann Sam trifft sich mit seinen hiesigen Kollegen, um erste Eindrücke eines potentiellen Marktes zu sondieren: Das russische Blut ist gut, aber fast zu stark für den Rüssel des Blutsaugers. Dabei läuft ihm die junge, schillernde Natascha über den Weg, auf der Suche nach einem besseren Leben als das ihrer Mutter. Sie fliegt auf den Ami – bis sie ihr Leben in einer Fliegenfalle aushaucht. Ihre Mutter Marina sitzt trübe vor sich hin murmelnd zu Hause und zerkaut derweil die Beine ihres verstorbenen Liebhabers. Am nächtlichen Strand macht sich schließlich Nachtfalter Mitja auf, den Sinn des Lebens zu erforschen, und fliegt ins Licht.

Aus dem Russischen übersetzt von Andreas Tretner.

Theaterfassung Alexander Frank
Inszenierung Alexander Frank
Bühne und Kostüme David Gonter
Choreographie Günther Grollitsch

Besetzung
Patrick Berg (Sam/Dima)
Martin Schwartengräber (Mistkäfervater/Mitja)
Oliver Meskendahl (Arthur/Major/Ameise)
Magdalena Helmig (Marina)
Maria Goldmann (Natascha)
Greta Kemper/Leander Kubillus (Mistkäferkind)

Theater Osnabrück
Großes Haus, Spielzeit 2013/14

 Fotos oben: © Marek Kruszewski
 Fotos oben: © Robert Schittko
Theater der Zeit

„Die Dramatisierung von Viktor Pelewins Roman Das Leben der Insekten verbindet die vergnügte Stimmung des Festivals mit seinem erkenntniskritischen Impetus. Die lose komponierten Episoden sind ein Höhlengleichnis im Wortsinn: Die Bühne ist ein gigantisches Erdloch, handelnde Figuren sind Ameisen, Mucken und Motten. Jedes Insekt ordnet die Wirklichkeit nach eigenen Bedürfnissen: Dem Pillendreher ist alles Mist, der Nachtfalter kennt nur Licht und Schatten. Jeder sieht nur sich selbst – wie die Fledermaus, der das Beutetier nur Widerhall der eigenen Stimme ist. Alexander Frank inszeniert die Relativitätstheorie der Wahrnehmung als groteskes Ausstattungstheater, macht Mantel zu Chitinpanzern und halt sein spielfrohes Ensemble zu bizarren Paarungsposen und trillernden Freundschaftsgesten an. Munter!“

Daniel Benedict

Neue Osnabrücker Zeitung

„Alexander Frank hat den gleichnamigen Roman des russischen Schriftstellers Viktor Pelewin auf die Bühne gehoben. Schon in der vergangenen Spielzeit hat sich der junge Regisseur als Spezialist für Literaturtheater erwiesen: Da hat er Oscar Wildes Dorian Gray in den Morast der menschlichen Existenz geschickt. Die Insekten hausen nun in einer dunklen, dämpfigen Höhle und pflegen dort ihre Sicht der Dinge (Bühne und Kostüme: David Gonter). Die ist zwangsläufig eingeschränkt, aber innerhalb dieses eingeschränkten Kosmos sorgt Frank zusammen mit Günter Grollitsch für jede Menge Witz: Dessen detailversessenen Choreografien erwecken die Insekten erst zum Leben.

Fließend sind die Grenzen zur menschlichen Realität: Mit Sam kommt ein absonderlicher Fremdling in diese bizarre Welt, Arthur, ein keuchender Übergang vom Insekt zum Menschen (oder umgekehrt?), ist der Führer durchs wimmelnde Dunkel. Oliver Meskendahl spielt ihn mit schnoddrigem Witz – und schlüpft darüber hinaus in die Rolle eines Insektenmajors und einer Ameise.

Die Episoden aus Pelewins Roman erzählen parabelhaft wie Platons Höhlengleichnis vom eingeschränkten Blick auf Zeit und Welt. Ein exquisites Darstellerensemble schlüpft dafür in die Chitinpanzer und schnallt sich hauchfeine Flügel um, flattert und krabbelt spielfreudig und akrobatisch über die Bühne: neben Meskendahl und Berg noch Martin Schwartengräber, Magdalena Helmig, Maria Goldmann.“

—  Ralf Döring, 13.9.2013

dradio.de

„In dem vor bald 20 Jahren geschriebenen Roman ‘Aus dem Leben der Insekten’ von Viktor Pelewin wird der Auf-, Um- und Abbruch der Nachwendezeit in Russland gespiegelt; auf biologisch sehr speziellem Niveau. Das heißt: anhand sehr menschlich agierender Insekten, eben einer heimischen Mücke von der Krim und einer aus den USA und auf Weltmarkteinkaufstour. Außerdem treten Mistkäfer, Fliegen und philosophierende Nachtfalter auf; und die Evolution frisst (natürlich) ihre Kinder. Alexander Franks Inszenierung im Großen Haus vom Osnabrücker Theater ist eine sehr verspielte und sehr schräge Fantasie über Mensch und Tier und das eine im anderen. Und umgekehrt.“

—  Michael Laages, 10.9.2013

nachtkritik.de

„[…] Recht unvermittelt hebt sich der Bühnenvorhang, der Gonters Bühnenbauwerk rahmt; zugleich setzt die Drehbühne ein: die ganze Welt ein Theater. Konsequent, dass das Spiel von dieser Desillusionierung unbeeindruckt bleibt und fortgeführt wird, zugleich aber seinerseits in seiner Theatralität ausgestellt wird, weil nun auch Kostümwechsel zu sehen sind. Theatrum mundi fürs 21. Jahrhundert.“

—  Kai Bremer, 10.9.2013

Neue Osnabrücker Zeitung

„Regisseur Alexander Frank und seine fünf Schauspieler [haben] einen lebensprallen Bühnenkosmos entwickelt, in dem sich das Vertraute und das Befremdliche befruchten. In einer ekligen Erdhöhle und in fantastischen Outfits (Bühne und Kostüme: David Gonter) krabbelt und saugt, liebt und mordet es und strebt nach Menschenart nach dem Licht der Erkenntnis. Wir, das Endglied der Evolution, haben die Zwischenschritte nie überwunden, glaubt man Pelewin. Es wird fast zum kindlichen Vergnügen, diesem Treiben zuzuschauen.“

—  Christine Adam, 7.9.2013