Die Blechtrommel

Die Blechtrommel

von Günter Grass
“ Mein weißlackiertes metallenes Anstaltsbett ist also ein Maßstab. Ich möchte das Bettgitter erhöhen lassen, damit mir niemand mehr zu nahe tritt. „

Oskar Matzerath, eigenwilliger Insasse einer Psychiatrie, erzählt die Geschichte seines Lebens, die zugleich die Geschichte Deutschlands von den Zwischenkriegsjahren bis in die Adenauerzeit ist. Oskars Familie besteht aus Kleinbürgern, Mitläufern und Feiglingen, die sich selbst zu Opfern erklären. Oskar, der Außenseiter, der Glas zersingen kann, schaut mit gnadenlosem Blick auf sie. Er legt den Finger in die Wunden des 20. Jahrhunderts und ertrommelt die Wahrheit hinter der deutschen Nachkriegsfassade. Das merkwürdige Kind, das sich weigert, zu wachsen und mitzuspielen, ist auch ein radikaler Widerständler und Künstler.

Bühnenfassung Alexander Frank
Inszenierung Alexander Frank
Bühne & Kostüme Daniel Wollenzin
Komposition & Sound Stefan Paul Goetsch
Dramaturgie Kathrin Mädler

Besetzung
Daniel Rothaug (Oskar Matzerath), Natalja Joselewitsch, Mark Oliver Bögel, Ilja Harjes, Christoph Rinke, Regine Andratschke / Carola von Seckendorff

Theater Münster
Kleines Haus, Spielzeit 2015/16

Alle Fotos: © Oliver Berg


Westfälische Nachrichten

„In Münster hat sich Regisseur und Bearbeiter Alexander Frank der Herkulesarbeit gestellt, aus mehr als 500 Seiten prallen Romanstoffs einen knapp zweistündigen Abend zu destillieren und sich dabei möglichst über die Bilder der Schlöndorff-Verfilmung hinwegzusetzen. […] Zudem hat der Theaterregisseur einen großartigen Protagonisten: Daniel Rothaug setzt als eher kleinerer Mann auf helle Stimmfärbung und lässt seine Erzählungen, in die er sich als Handelnder einfügt, mit bezwingender Energie auf die Zuhörer einwirken: imposant. Gleichzeitig wird aber auch klar, dass Oskar, der als Dreijähriger das Wachsen einstellte, kein Kind mehr ist, also nicht naiv, sondern planvoll agiert. Zu Beginn, wenn er von Ärzten in Uniformhosen (Ausstattung: Daniel Wollenzin) geschoren und vermessen wird, wirkt er wie ein Nachfahre des armen Woyzeck.

Regine Andratschke, Mark Oliver Bögel als rheinischer Biedermann, Ilja Harjes und Natalja Joselewitsch verkörpern beherzt das große Figurenarsenal. In Szenen wie den Auseinandersetzungen Oskars mit Bruno, den Christoph Rinke perfekt zwischen vermeintlichem Kumpel und brutalem Aufseher changieren lässt, ist das Theater ganz bei sich. Auch das Aufheben der zunächst streng getrennten Sphären von Gegenwart und Vergangenheit wirkt dramaturgisch klug.

[…] Die Inszenierung verrät nicht, warum Oskar eigentlich in der Anstalt sitzt. Bearbeiter Alexander Frank schafft daraus allerdings clever eine Variante, indem er Oskar zur Zwiebelkeller-Episode des dritten Romanteils (an den sich Schlöndorff nicht herantraute) aus seinem Anstaltszimmer ins Publikum holt.“

— Harald Suerland, 21. September 2015

Recklinghäuser Zeitung

„Daniel Rothaug in brauner Anstaltskluft ist überzeugend der kleinwüchsige Psychiatrie-Patient Oskar Matzerath. Beharrlich hält er an seinem Selbstbild als Held fest, auch wenn er deutlich das Opfer ist: In der eindringlich stummen Anfangsszene wird dem Wehrlosen von gestiefelten Wärtern, die unter dem weißen Kittel Uniform tragen, das Haar geschoren, und er wird Untersuchungen unterzogen, die zwischen hygienisch, medizinisch und sadistisch schwanken.

Oskar, der sich als Dreijähriger entschloss, nicht mehr zu wachsen, erzählt seinem blassen Wärter Bruno (Christoph Rinke) seine Lebens- und Heldengeschichte entlang der Fotos in seinem Familienalbum. Die Szenen laufen spektakulär auf die Todesfälle zu, die er herbeiführt: den seiner sinnlichen Mutter Anna (Regine Andratschke), ihres etwas läppischen polnischen Liebhabers Jan Bronski (Ilja Harjes) und schließlich des jovialen Rheinländers Alfred Matzerath (Mark Oliver Bögel), der sich für Oskars Vater hielt. Der kleine Killer, der in beeindruckendem Stroboskopgewitter Glas in Scherben zersingen und virtuos seine Kindertrommel schlagen kann, zeigt sich da als erstaunlich fundamentaler, konservativer Kritiker unsittlicher Verhältnisse.“

— Hanns Butterhof, 21. September 2015