Ich habe verstanden

Ich habe verstanden

Uraufführung von Lukas Hammerstein

Ein lange Zeit ziemlich wichtiger Mann ist plötzlich ziemlich allein. Draußen war immer die Meute, die verführerische Menge Assistenten, Lobbyisten, Presseleute, Groupies, hinter der selbst Parteifeinde verblassen. Jetzt kommen die Hyänen, um seinen Niedergang festzuhalten. Du stehst das durch, sagen die Weggefährten und gehen auf Tauchstation, wir wünschen dir viel Glück – bitte halte uns da raus. Echte Freunde hat er schon lange keine mehr. Selbst sein Sprecher ist verstummt. Ehe er den schweren Gang antritt, wägt er seine Worte, testet noch mal seinen Charme und horcht auf das verklingende Echo der Macht …

Der Münchner Autor Lukas Hammerstein hat für das Schauspiel Münster, rechtzeitig zur Bundestagswahl, den Monolog des nicht ganz ehrenhaft scheidenden Politikers Richard Ükamp geschrieben. Eine Wortkaskade – oder ist das schon die Rücktrittsrede? – hochkomisch, zynisch, sprachakrobatisch, entlarvend und von erschreckend großem Wiedererkennungswert! Wessen Kopf rollt wohl als nächstes?

Inszenierung Alexander Frank
Bühne und Kostüme Christa Beland
Video Matthias Greving
Dramaturgie Friederike Engel

Besetzung
Aurel Bereuter

Theater Münster
Studio, Spielzeit 2013/14

Fotos: © Oliver Berg / Video-Stills: Produktion
Deutschlandradio Kultur

„Ein Politiker hat gelogen. Nun leistet er in seiner Rücktrittsrede Abbitte – und die Zuschauer fahren darauf ab. Das Ein-Mann-Stück am Theater Münster „Ich habe verstanden“ besticht durch seinen klaren Blick auf die Mechanismen der Medien, zeigt aber auch die Zumutungen, denen sich ein Mensch aussetzt, der Politiker sein will.

[…] „Ich habe verstanden“ ist eine zynische Abrechnung, ein genauer Blick auf die Mechanismen der Medienmacht. Aber das Stück zeigt auch die Zumutungen, denen sich ein Mensch aussetzt, der Politiker sein will. Der Schauspieler Aurel Bereuter spricht oft leise, denn man kann auch im gedämpften Tonfall lügen. Als seine Hände einmal in die Merkel-Raute rutschen, erschrickt er. Zu ähnlich darf er der Frau, die er nur „die Generalin“ nennt, nicht werden. Einsamkeit und aufkommende Verzweiflung zeigt Aurel Bereuter in präzisen Andeutungen. Er spielt keine Karikatur, aber lässt das Publikum auch nicht zu leicht hinter die glatte Oberfläche blicken.

Oft spricht der Schauspieler in die Videokamera. Sein Gesicht erscheint dann frontal auf einer Projektionswand. Dieser Kunstgriff des Regisseurs Alexander Frank trägt zur Vielschichtigkeit des Abends bei, der Mensch verschwindet hinter seinem Abbild.

Lukas Hammerstein ist eine sprachlich präzise und gedanklich genaue Beschreibung des homo politicus rücktrittiensis gelungen, einer Gattung, die nicht vom Aussterben bedroht ist. Denn jeder Rücktritt ist der Anfang eines Comebacks. Für die ganz abgewrackten Fälle gibt es schließlich noch Europawahlen. ‚Ich habe verstanden‘ lautet der letzte Satz des Abends.“

Stefan Keim, 23. September 2013

Bayerischer Rundfunk

„Die Koinzidenz von Uraufführung und Wahlabend gab einen ästhetischen Mehrwert für das Publikum. Es wurde viel gelacht, gerade wenn Anspielungen auf die FDP kamen. (…) Es (…) wurde eingespielt, was in der ARD zur Wahl gesendet wurde und das wirkte im Vergleich sehr oberflächlich, es wurden Fliegenbeine gezählt. Im Stück geht es sehr viel tiefer: Es wird nach den Möglichkeiten der Demokratie gefragt. Hammerstein ist da sehr bohrend, unter der Oberfläche sieht er einen Mann voller Dünkel, der eigentlich diejenigen vertreten soll, die nicht gleichwertig sind. Und er will das nicht, er möchte seine privilegierte Position bewahren. Insofern stellt Hammerstein die Frage, ob das ein Widerspruch ist, der sich nicht auflösen lässt. (…) Eine sehr interessante Frage, die an die Wurzel der Demokratie rührt.“

— Ulrich Fischer, 24. September 2013

NDR Kultur

„Lukas Hammerstein zeichnet das Bild eines zutiefst zerrissenen Menschen in einer fragilen Lebenssituation, dem Moment des Scheiterns. Er entlarvt die Worthülsen, mit denen ein Karriereabstieg gerne übertüncht wird, in einem Moment wo das Bemühen um professionelle Haltung mit privaten Gefühlen kollidiert. (…) So überzeugend, wie Aurel Bereuter spielt, könnte der Österreicher das Metier wechseln.“

— Stephanie Noack, 24. September 2013